Saure Äpfel
Jana Kurashvili, Björn Knapp
05.2020

Auszug aus dem Künstlergespräch mit Raphael Nocken

RN Jana, du zeigst eine Wandmalerei und einige Videoarbeiten auf einem Monitor im ehemaligen Ladengeschäft von ÆdT. Björn, du bist hier im verglasten Wintergarten mit drei Malereien vertreten. Gehen wir kurz auf den Titel ein: „Saure Äpfel“, gibt es dazu eine Geschichte, was steckt dahinter?

BK Der Titel kommt von mir und ist assoziativ entstanden. Ich habe mir so manche Gedanken gemacht, als ich fertig mit dem Studium war, wie wird nun alles werden ... entweder es passiert etwas direkt im Anschluss, man nimmt an Ausstellungen teil und es läuft, oder aber es passiert eben nichts ...

RN ... und dann muss man in den sauren Apfel beißen?

BK Ja, genau. Das kann natürlich auch mehrere Jahre so gehen, also saure Äpfel. Im Hinblick auf die aktuelle Krise gesehen wird der Titel weiter aufgeladen und funktioniert so auf mehreren Ebenen, ist aber schon deutlich vorher entstanden.

JK Ich assoziiere Äpfel mit etwas Süßem, bei sauren Äpfel hingegen entsteht bei mir ein Bild von etwas, das unter der Oberfläche liegt, vielleicht etwas Anstößiges, das aber eigentlich als etwas ganz Positives daherkommt. Darin lese ich auch, dass es in einem Bild mehr geben kann, als die Oberfläche zunächst einmal zeigt.

RN Von Jana haben wir gehört, dass sie das Gefühl habe, dass etwas unter der Oberfläche liegt. Björn, bei dir entsteht die Bildidee aus Motiven, die so nicht mehr erkennbar sind. Ich meine für mich selbst, dass ich an den Motiven oder am Erkennen dieser erstmal gescheitert bin und nicht verstanden habe, was ich da wahrnehme. Die Arbeiten öffnen sich dann, wenn man klare Erklärungsmuster außen vorlässt und versucht, Dinge anders zu sehen. Würdest du sagen, dass in deinen Arbeiten Motive zu sehen sind?

BK Unbedingt. Was zu sehen ist, ist auf keinen Fall abstrakt. Jede Form oder Rundung findet ihren Ursprung in der Wirklichkeit. Ausgangspunkt sind bei mir Fotografien, die ich zunächst einmal ordnen wollte. Dabei fiel mir auf, dass alle Fotos auf meinem Handy in zwei Kategorien aufteilbar waren: Körper oder Raum.
Irgendwann „schluckt“ das Bild bei mir den Ausgangspunkt, dadurch dass es sich überlagert und multipliziert oder durch sich selbst verstellt wird. Aber er ist immer noch da. Ich denke immer als Vergleich an ein Wort und was passiert, wenn man ein Wort immer weiter wiederholt. Was bleibt, ist das phonetische Gerüst und nicht mehr das, was es bedeutet.
Es geht genau darum, dass der Betrachter das Bild sozusagen selber fertig stellt. Ich gebe da zwar etwas rein, aber ich male es nicht „zu Ende“, also kann man es zuletzt nicht auf eine bestimmte Art decodieren. Diesen Zustand würde ich als Ziel meiner Arbeit verstehen.

RN Gibt es in deinen Arbeiten auch so etwas wie Raum, oder Staffelung? Gibt es ein Hinten und ein Vorne?

BK Ich denke, da funktioniert viel über die Farbe: ein helles Blau liest man leicht als Hinten, ist aber ein Dazwischen von Bedeutung, Fläche und Farbe. Und was ist Raum, was ist Tiefe?

RN In deinen Arbeiten mache ich die visuelle Erfahrung, dass mir die Farbe nicht per se sagt, wo im Bild vorne oder hinten sein könnte. Die Farbe führt mich von der einen zur anderen Stelle. Motive, die repetitiv auf dem Bild auftauchen die ich an anderer Stelle wieder zu erkennen glaube, haben plötzlich eine andere Wirkung auf mich.

BK Das ist der Moment, in dem das Gehirn keine Lücke akzeptieren will. Es muss die Lücke unbedingt schließen, zur Not mit einer Form aus der Erinnerung. An dieser Stelle entscheidet der Betrachter über das Bild, egal, was der Maler sich davor dachte.

RN Jana, deine Malerei ist gegenständlich, deutlich gegenständlicher als bei Björn. Bei deinen Motiven geht es aber nicht um das Motiv an sich, sondern um Stimmungen. Ich glaube, dass die Motive unter der Oberfläche in einem Spannungsverhältnis stehen oder in einem Bezug zueinander, dass sie eine Geschichte entwickeln.

JK Die Gefühle, die aus meiner anfänglichen Stimmung entstehen, drücke ich mit Figuren aus. Am wichtigsten sind mir die Figuren, genauer gesagt deren Gesichts-ausdrücke. Hier versuche ich, mein Innenleben über die Figur auszudrücken. So entsteht Figur nach Figur, und diese kommunizieren dann miteinander

RN Die Arbeit heißt Begierde, so stößt die Betrachter*in auf den Kontext, dass es hier auch um so etwas wie Jungfräulichkeit oder Unschuld geht.

JK Es geht um Unschuld und Schuld gleichermaßen, auch im sexuellen Sinne. Das Bild hat auch etwas christliche Züge. Der Baum und das „Eva-artige“ Mädchen darauf, umgeben von männlichen Protagonisten, die mehr oder weniger alle auf dieses Mädchen fixiert sind. Eine Kirche im Hintergrund und ein Zaun, der diese Personen von dem Mädchen abschirmt.

RN Uns ist eben bei der ersten Betrachtung aufgefallen, dass es nicht multiperspektivisch, jedoch mehrere Tageszeiten gleichzeitig existent sind.
Der Ausdruck der Personen wirkt bei allen eher leer oder verträumt, aber das liegt auch an der Art und Weise, wie du deine malerischen Mittel einsetzt – es ist ein psychologisierender Ansatz. Eine der Qualitäten deiner Arbeiten ist die leicht naive Herangehensweise an die bildnerischen Mittel. Es scheint so, als ob leichte Bildmittel herangezogen werden, um erstmal etwas unschuldig zu wirken. Wenn man das Bild genauer betrachtet und sieht, wie die Personen miteinander agieren, wie sie uns anblicken, wie sie vielleicht auch Zeichen geben, durch ihre Körperhaltung, erkenne ich, was da eigentlich noch drinsteckt. Kann es sein, dass du die Betrachter*innen erstmal auf eine falsche Fährte führen willst?

JK Ja, das würde ich schon so sagen. Ich möchte, dass meine Bilder auf den ersten Blick anders wirken als beim zweiten Betrachten. Durch die Figuren und die Symbolik darin, aber auch dadurch, dass die Motive so unschuldig, bunt und naiv wirken, hat man zunächst das Gefühl, das Bild und das, was dort passiert, zu verstehen. Ich möchte die Betrachter*innen solange fesseln, dass sie einen zweiten Blick darauf werfen wollen, um diese andere psychologische Ebene darin wahrnehmen zu können.
Ich möchte nicht absichtlich verstören, meine Bilder sollen nicht belehrend oder verurteilend sein, aber sie haben eine Aussage und sind durchaus kritisch, was gesellschaftliche Probleme und Beziehungen angeht. Ich möchte, dass die Malerei einlädt und man sich mit der Tiefe der Bildes beschäftigen kann. So würde ich das beschreiben.

RN Björn, du hattest eben erzählt, dass eine deiner Malereien hier kurz im Raum vor Janas Wandmalerei stand. Wo haben die Arbeiten angefangen, miteinander zu sprechen?

BK Als sie direkt nebeneinanderstanden. Es funktionierte über das Rot, über die Farbe, gar nicht über den Inhalt.

JK In Björns Querformat sehe ich ganz klar den Schritt einer Frau, mit einem Busenansatz in einem roten Kleid.

RN Was auch noch dazu kommt, ist vielleicht euer Farbauftrag? Die Farben in euren Arbeiten wirken, auch wenn sie Raum besitzen, eher flach. Janas Arbeit ist eine räumliche Darstellung, aber absolut zweidimensional, das wird auch nicht in irgendeiner Art und Weise zu verschleiern versucht. Auch das ist natürlich durchaus ein malerisches Mittel, das du frei gewählt, aber es tut so, als ob das Motiv zwingend flach sein muss, da die Wand flach ist. Bei den Arbeiten von Björn ist es genau das Gleiche: die Motive sind dreidimensional zu verstehen, aber sie stellen sich den Betrachter*innen ganz deutlich als zweidimensionales Objekt dar.

BK Ich denke, wir arbeiten beide von der Fläche aus, wir bemalen ein Objekt. Wir imitieren ein „Raum-Spiel“, eine Illusion von Gleichzeitigkeit, Raum und Fläche, und so entsteht das Konträre, es macht die Spannung darin aus.

Jana Kurashvili
Begierde, 2020
Acryl auf Putz

Jana Kurashvili
Videoanimationen:
Die große Weite, 2018, 2:32 min
Sleepwalker, 2018, 1:46 min
Gedankengänge, 2018, 0:40 min
Das Haus, 2018, 1:42 min
Freunde, 2018, 1:17 min
Sadness, 2018, 1:11 min
Speedbalade, 2018, 2:01 min

Björn Knapp
ENDS, 2020
Öl und Acryl auf Leinwand
190 x 180 cm

Björn Knapp
Camouflage, 2020
Öl und Acryl auf Leinwand
120 x 160 cm

Björn Knapp,
In dürren Blättern, 2020
Öl und Acryl auf Leinwand




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