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unfamiliar Arrangements: an endless prequel, not yet titled.
w/ Philipp Naujoks
03. - 04.2021

location: Regatta2, Düsseldorf
press: passe-avant
collaborators: Christoph Wiedemann, Thea Mantwill
‘We are modulated prototypes, sediments of ideas molded by formlessness. In static newness, warmth can camouflage sharper objects.’

A source of artificial, pinkish colour supplies light to a bamboo branch, promising growth even though the water has already dried up. Its sticky residues clinging to the soles of our shoes, as if to hold us in place: Dirty veins show a fragmentary sketch. A cardboard structure claims a part of the unsecured terrain, bowing with each of the leafy greetings. In a series of photographs, a three-person company tries itself in artistic formations, unstable and resilient at the same time: in a playful process of striving and dying, variations of artistic identity are constituted.

VIDEO: https://files.cargocollective.com/c516816/uA_032021.mp4

Exhibition Note by Thea Mantwill

C

Zuckerbrot in den Auslagen, außerdem Schlüsselanhänger, Hüte, Zeitungen. Lärm im schmalen Tunnel zu den U-Bahnen. Sohlen kleben am Boden auf Limo, Bier oder Pisse. Ein Paar Schuhe erhebt sich, als sie ihm auf die Schultern springt, er sie stolz durch die Menge trägt und - angestachelt von ihrem Jubel - beginnt, durch die Menge zu rennen, bis er vor einem der nun leeren Ladengeschäfte stolpert und stürzt. Ich sehe sie durch den Lärm fallen und wie sie ihre Hände abwehrend nach vorne streckt, um sich abzufangen, und ich sehe, wie ihre Nase auf dem Boden bricht.

Heute würde ich es hören, denn heute ist fast alles leer, so wie gestern und morgen auch. Ein Bambuszweig streift an der Scheibe entlang, erst gespenstisch und zart, dann mit Nachdruck. Jetzt quält er sich weiter voran, knarzend und starr, bis der höchste Druckpunkt überwunden ist, er die Scheibe verlässt und sich wieder um sich selbst dreht, zwei Minuten lang. An den Wänden hinter dieser Scheibe sind rechts und links Spuren von seiner immergleichen Bewegung. Im magentafarbenen Licht sieht man* nie genau, ob er nun noch lebt oder tot ist, oder beides gleichzeitig.
'unfamiliar arrangements: an endless prequel, not yet titled', exhibition view, 2021. Courtesy: the artists and Regatta 2, Düsseldorf.
Man* sagt, es gäbe einen lebenden „Baum ohne Wurzeln“, der auf der Ruine des ehemaligen Zisterzienserklosters in Bad Herrenalb wächst, dessen Wurzeln sich unsichtbar durch das Innere des Torbogens fressen und beständig den Druck nach außen erhöhen: „Der liebe Gott hat‘s so gewollt, dass die da wächst“ (ob er denn nun lieb ist). Ein Baum ohne Wurzeln ist vielleicht kein Baum mehr, auch kein Ast, eher beschreibt ihn seine Funktion: eine Rute, eine Schranke, eine Peitsche - ein Element, das den Raum teilt und zur Bewegung zwingt. Ein Element, das über Gesicht und Schultern, Wände und Objekte streicht, aber seinen Rhythmus nicht verlassen kann. Unnachgiebig und in maschineller Gleichgültigkeit sich um die eigene Achse drehend, verliert es langsam seine Farbigkeit und Blätter.

M

Ein Gebilde, ähnlich einer Pyramide, spiegelt die Leere der U-Bahn-Passage im Raum wider; spiegelt die Säulen und Gänge, wie eine verlassene Stadt. Dort hat der Bambus gerade noch sein Blatt vergessen und irgendjemand sein Haustier, das jetzt verwildert durch die leeren Auf- und Abgänge stromert, vielleicht ist es aber auch etwas Kleber. Das letzte Mal habe ich Straßenhunde gesehen in Gibellina Nuova: Sie bewachten die leeren Bauwerke und Monumente, schon aus der Distanz hörten wir ihr wütendes Bellen. Einer von ihnen verteidigte einen bereits verfallenen Rohbau, sein Haus, über einen riesigen, ausgestorbenen Platz hinweg. Lange habe ich keine so leere Stadt mehr gesehen wie Gibellina Nuova - jetzt sind sie es alle. Aber Gibellina ist nicht nur leer, sondern auch verlassen. Gibellina Vecchia ist sogar durch ein Erdbeben ausgestorben und New Harmony - dessen Grundriss hier in Zuckerwasser den Boden bedeckt - liegt inmitten der aktiven Erdbebenzone “Wabash valley seismic zone”, am Rande der “New Madrid seismic zone” und im Tornadogebiet.

Der Grundriss von New Harmony schimmert auf dem Boden wie ein Spiegelbild im Wasser, wie das Negativ des massiven Wurzelwerks des Bambus, das hier fehlt. Das Gegenteil einer zarten Berührung, wie das sachte Streifen einer Wange oder einer Schulter im Vorbeigehen, wird den labyrinthischen Grundriss im Boden verewigen: ein Fußtritt. Zahlreiche Fußtritte. In einem dieser Untergangsträume, die mehr Lust- als Albtraum sind, wirkt das, was unterzugehen droht, noch ein bisschen schöner als sowieso schon. Wie in Leif Randts Roman Schimmernder Dunst über CobyCounty scheint alles in einer unendlichen Dämmerung oder unter einem Schleier zu liegen - ein Wartezustand, der schon der Höhepunkt ist. In Italienische Dämmerung sah der Autor D.H. Lawrence im Bild zweier, auf einem Damm vor der Dämmerung gleichmäßig hin und her wandernden, Mönche ein Sinnbild für den Tod - nicht den gewaltigen, dramatischen, plötzlichen Tod, sondern den durch Stillstand, Unveränderlichkeit, Apathie. Tod durch Langeweile, eine ewige blaue Stunde.

Y

Was haben ein Skarabäus und eine Qualle gemeinsam? Nichts. Der Skarabäus ist ein Symbol für Ägypten, so wie der Bambuszweig ein Platzhalter für den Baum ist und die Qualle einst das Logo der Number One Disco im italienischen Brescia - des Clubs, in dem sich die erste menschliche Pyramide bis zur Decke bildete und stand. Zumindest lang genug für ein Beweisfoto im Dunkeln – so unscharf, dass die Menschen darauf zu hellen Flecken werden. „And each of us has seen a few lines on the ceiling that appeared to chart a new continent“[1]. Die Decke der Regatta 2 sieht aus wie es sich anfühlt, im U-Bahn-Schacht verloren zu gehen. Einmal sind wir, nach einem guten (oder zumindest langen) Abend müde und angemessen betrunken an der Heinrich-Heine-Allee eingestiegen und gefahren, bis die U-Bahn mit uns als den letzten Gästen in einer dunklen Sackgasse zum Stillstand kam und alle Lichter ausgingen: Endhaltestelle verpasst. Der Fahrer führte uns mit einer winzigen Taschenlampe aus einer winzigen Gittertür hinaus ins Freie. Auf einmal standen wir am Ende einer wahnwitzigen Treppe auf diesem Platz: mitten in einem genormten Wohnpark, mitten zwischen Hügeln und erschreckend vielen weißen Kaninchen, die – wie wir – aus irgendeinem Loch gekrochen waren. Auf den scharf gestochenen Bildern, die in Regatta 2 an der Wand hängen, passiert in diesem Wohnpark das: Vor dem Hintergrund der pyramidenartigen Architektur und dem Himmel einer blauen Stunde baut sich eine weitere menschliche Pyramide aus drei Elementen auf und zerfällt im selben Moment, zwischen den Hügeln, mit Erde verschmiert, über einer Wasserfläche, einem Meer oder einer Pfütze.

K

Hinter meinem Rücken eine weitere Pyramide, die eine verlassene Stadt, eine Arche oder eine Wippe sein könnte. Mit Hieroglyphen beschriftete Zuckerhüte, die Spitzen einiger Eisberge oder auch Elfenbeintürme. Die gestochen scharfen Fotos der menschlichen Pyramide, die nur den dunkelnden Himmel als Decke hat, über einer Wandfläche, einer Skala, einem Stadtplan, einer Gezeiten-Markierung. Das “Mean Sea Level” als Variable. Das ist es, was ich sehe, wenn ich am Ende des Raumes Regatta 2 stehe (Regatta 1 war so erfolgreich, dass eine Fortsetzung unerlässlich wurde - aber das wissen ja alle) und mich zur fast leeren Passage der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee umdrehe. Eine Architektur - gewaltig aber auch fragil - und Licht als Dämmerung oder Sinnestäuschung, das sich verändert, sobald man* es fixieren und bestimmen möchte. Und wie alles irgendwie versucht, ein Gleichgewicht wiederzufinden - unsicher bleibt, ob es irgendjemand oder irgendetwas vorher hatte.

[1] Bachelard, Gaston: Poetics of Space. London: Penguin Classics, 2014